Mittwoch, 9. Mai 2007

Fundsache: Zeitung vs. Internet

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG (und mein oberster Chef), Mathias Döpfner, hat davor gewarnt, Printmedien und Internet gegeneinander auszuspielen.
"Das Internet ist nicht die neue Zeitung", sagte Döpfner vorgestern in Hamburg. Es werde weder das Fernsehen noch die Zeitung ersetzen. Mit "exklusiven Neuigkeiten, eigenständigen Meinungen und einer eindringlichen Sprache" könnten Zeitungen ihre Stärken gegenüber dem Internet-Journalismus ausspielen. "Die Zeitung muss sich auf sich selbst, auf ihre Stärken besinnen, denn das Bedürfnis nach Orientierung wächst", sagte Döpfner.

Mit seiner Forderung hat Döpfner nicht ganz Unrecht. Leider erscheint es derzeit aber so, dass viele Zeitungen - angespornt durch Readerscan und das Schielen auf Klickstatistiken - genau den umgekehrten Weg beschreiten und die Einschaltquote und den Massengeschmack zum Maß aller Dinge machen... siehe unsere gerade erschienene Studie.

Im übrigen behaupten wir Printredakteure seit Jahr und Tag, dass genau das Bedürfnis nach Orientierung und Einordnung der Zeitung ihren Bestand garantiere. Was, wenn eines Tages ein kluges Nachrichten-Internetportal sich ebenfalls darauf besinnt, nicht nur auf Crap und Fun und Bildergalerien und Rätsel zu setzen? Dann wäre der angebliche USP der Zeitung futsch.

Dass die Nutzer das Bedürfnis nach Orientierung haben und (Print-)Journalisten zugestehen, ihnen dafür besonders probate Leitplanken zu bieten, hoffe ich zutiefst. Ich bin aber immer noch auf der Suche nach der ultimativen wissenschaftlichen Studie, die das belegt und die zeigt, dass jungen Lesern die aufgeladene und glaubwürdige Zeitungsmarke wirklich wichtiger für die schnelle Info ist als ein x-beliebiges Unterhaltungsportal. Für das Gegenteil gibt es leider mehr Studien und Beweise - siehe das kluge Buch von Philip Meyer: The Vanishing Newspaper.

Kommentare:

Chat Atkins hat gesagt…

Tschaja - bloß, wo sind sie denn, die exklusiven Neuigkeiten und die eindringliche Sprache, von denen Döpfner dort redet. Die Verleger selbst schaffen doch das Gegenteil der Bedingungen dafür. Und da, wo noch etwas 'Masse' existiert, versuchen sie nur, eine bestehende Faktenlage auf ziemlich dünnbrettige Art zu 'twisten', wie der Spiegel es mit seiner Klimahysterie in dieser Woche tut ...

Anonym hat gesagt…

Genau vor einem Jahr hat Mathias Döpfner in dem Essay "Der Journalismus lebt" erklärt, was seiner Meinung nach eine gute Zeitung ausmacht und wie sie sich gegenüber dem Internet behaupten kann. Die Zeitung müsse mit einem selbstbewusst autoritären Gestus die Leser führen.

"Wenn jede Information für jedermann jederzeit überall verfügbar ist, dann wächst das Bedürfnis nach Orientierung, Auswahl oder dem, was den guten Zeitungsjournalisten ausmacht: Führung. (...) Und das Prinzip Führung macht die Zeitung zugleich so zukunftssicher. Denn an das Prinzip Führung, an eine tiefe Sehnsucht nach Hierarchie, glaube ich genauso fest wie an die Funktion des Marktplatzes", so Döpfner.

Mein Kommentar dazu damals auf Pickings.de: "Das Prinzip Führung, verstanden als die differenzierte Einordnung aktueller Ereignisse in deren jeweiligen Kontext, würde den Leser allerdings dazu befähigen, die Bedeutungslosigkeit vieler Artikel in der Springerpresse, deren vermeintliche Relevanz durch einen autoritären Gestus hergestellt wird, zu offenbaren."

RJ

Chat Atkins hat gesagt…

Gerade gab's bei Springer was vor die Glocke für jemanden, der wirklich etwas zu schreiben hatte.

Strange hat gesagt…

@anonym und chat
stimmt schon. döpfner wünscht sich - jedenfalls in teilen - die zeitung fürs (verschwundene) bildungsbürgertum zurück.

ich will die kritik an der tatsächlichen oder vermeintlichen bedeutungslosigkeit der artikel in der "springerpresse" gar nicht samt und sonders entkräften. aber ausweiten - das gros der überstrapazierten und unterbesetzten redaktionen liefert aufgehübschte agenturen oder macht sich zum büttel der generalsekreärte und der themen, die diese generös lancieren. nicht der autoritäre gestus ist die gefahr - sondern die wachsende macht dieser spindoctors, agenturen und lobbyisten, die sich die schlechte ausstattung der redaktionen für ihre finstere pr zunutze machen

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